Du denkst, du kennst deinen Partner in- und auswendig? Dass ihr die perfekte Beziehung führt und Untreue niemals ein Thema werden könnte? Halt dich fest: Psychologen haben herausgefunden, dass bestimmte Persönlichkeitstypen statistisch gesehen deutlich häufiger fremdgehen als andere. Und nein, es sind nicht unbedingt die Menschen, die du dafür hältst.
Die Wahrheit über Untreue ist weitaus komplexer und faszinierender, als die meisten denken. Forscher haben jahrzehntelang untersucht, warum manche Menschen trotz einer funktionierenden Beziehung Seitensprünge begehen, während andere selbst in schwierigen Zeiten treu bleiben. Das Ergebnis: Es gibt tatsächlich messbare psychologische Profile, die das Risiko für Affären erheblich steigern.
Die dunkle Seite der Persönlichkeit: Wenn Charakter zum Verhängnis wird
In der Psychologie gibt es ein Konzept, das klingt wie aus einem Superhelden-Film, aber erschreckend real ist: die „Dunkle Triade“. Diese drei Persönlichkeitsmerkmale – Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie – sind wie das Bermuda-Dreieck der Beziehungswelt. Menschen mit stark ausgeprägten Zügen dieser Eigenschaften haben ein signifikant höheres Risiko, untreu zu werden.
Narzissten: Die ewigen Hauptdarsteller stehen gerne im Mittelpunkt und brauchen konstante Bewunderung. Ihr Problem? Ein Partner allein kann ihren unstillbaren Hunger nach Aufmerksamkeit oft nicht befriedigen. Sie sehen Beziehungen als Bühne für ihr Ego und wenn der Applaus zu Hause nachlässt, suchen sie ihn eben woanders.
Machiavellisten sind die Schachspieler der Liebe. Sie betrachten Beziehungen strategisch und kalkulieren, was ihnen den größten Vorteil bringt. Treue ist für sie kein emotionaler Wert, sondern eine Geschäftsentscheidung. Wenn eine Affäre ihnen mehr Nutzen verspricht – sei es für das Ego, die Karriere oder einfach als Backup-Plan – zögern sie nicht lange.
Menschen mit psychopathischen Zügen leben stark im Hier und Jetzt. Sie haben Schwierigkeiten, die emotionalen Konsequenzen ihres Handelns zu durchdenken, und folgen spontanen Impulsen. Die Tränen des Partners nach einem Seitensprung? Für sie oft nur theoretisch nachvollziehbar, aber emotional nicht wirklich spürbar.
Bindungsangst: Wenn Nähe zur Bedrohung wird
Hier wird es richtig interessant: Unsere allerersten Beziehungserfahrungen als Baby und Kleinkind prägen uns fürs Leben. Forscher haben entdeckt, dass Menschen mit unsicheren Bindungsstilen – also diejenigen, die als Kinder inkonsistente oder ablehnende Bezugspersonen hatten – als Erwachsene statistisch häufiger fremdgehen.
Der vermeidende Typ hat gelernt, dass zu viel Nähe gefährlich werden kann. Diese Menschen fühlen sich in intensiven Beziehungen schnell eingeengt und nutzen Untreue oft unbewusst als Fluchtweg – einen Weg, Distanz zu schaffen, ohne die Beziehung komplett beenden zu müssen.
Der ängstlich-ambivalente Typ hingegen hat panische Angst davor, verlassen zu werden, sucht aber gleichzeitig ständig nach Bestätigung. Paradoxerweise führt genau diese Verlustangst oft zu Untreue. Nach dem Motto: „Ich sammle Bestätigung, wo ich sie bekommen kann, falls mein Partner mich doch noch verlässt.“
Das Selbstwert-Problem: Wenn das Ego auf Diät ist
Manche Menschen haben ein Selbstwertgefühl, das praktisch auf Sparflamme läuft und konstante externe Aufladung braucht. Forscher haben in Studien nachgewiesen, dass Menschen mit instabilem Selbstwert besonders anfällig für Affären sind.
Diese Menschen gehen nicht fremd, weil sie ihren Partner nicht lieben oder unglücklich sind. Sie tun es, um sich selbst zu beweisen, dass sie noch „es haben“. Eine Affäre ist für sie wie ein Selbstwert-Booster-Shot – temporär wirksam, aber mit verheerenden Nebenwirkungen. Die Aufmerksamkeit und das Begehren einer neuen Person fühlt sich an wie Heroin für das angeschlagene Ego.
Besonders tückisch: Diese Art der Untreue hat oft nichts mit der Qualität der Beziehung zu tun. Der Partner kann noch so liebevoll und aufmerksam sein – wenn das Selbstwertgefühl hauptsächlich durch die Bestätigung völlig Fremder funktioniert, wird es früher oder später problematisch.
Emotionale Grundbedürfnisse: Wenn die Seele Hunger hat
Nicht jeder untreue Mensch ist ein narzisstischer Manipulator mit Bindungsangst. Manchmal sind es ganz normale Leute, deren emotionale Grundbedürfnisse in der Beziehung chronisch zu kurz kommen. Die häufigsten unerfüllten Bedürfnisse, die zu Seitensprüngen führen:
- Emotionale Intimität und tiefe, bedeutungsvolle Gespräche
- Körperliche Nähe und erfüllende Sexualität
- Echte Anerkennung und Wertschätzung für das, wer man ist
- Aufregung, Abwechslung und neue gemeinsame Erfahrungen
- Respekt und das Gefühl, als gleichwertiger Partner behandelt zu werden
Das Tückische: Menschen, die schlecht darin sind, ihre Bedürfnisse direkt zu kommunizieren oder Konflikte anzusprechen, neigen eher dazu, sich diese Erfüllung heimlich woanders zu holen. Oft haben sie in der Kindheit gelernt, dass das direkte Äußern von Bedürfnissen „egoistisch“ oder „zu viel verlangt“ ist.
Trauma: Wenn die Vergangenheit die Gegenwart sabotiert
Unverarbeitete Traumata führen zu Untreue – diese Erkenntnis zeigt, wie Kindheitserfahrungen Jahre später Beziehungen von innen heraus zerstören können. Menschen, die emotionale, körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben, entwickeln komplexe Überlebensstrategien, die als Erwachsene hochproblematisch werden.
Ein Beispiel: Jemand, der gelernt hat, dass Liebe immer mit Schmerz verbunden ist, sabotiert unbewusst zu harmonische Beziehungen, weil sie sich „falsch“ anfühlen. Oder eine Person, die als Kind emotional vernachlässigt wurde, ist als Erwachsener süchtig nach intensiven emotionalen Erlebnissen – auch wenn sie destruktiv sind.
Menschen mit unverarbeiteten Traumata handeln häufiger impulsiv und haben Schwierigkeiten, langfristige Konsequenzen zu durchdenken. Untreue wird dann oft als unbewusster Bewältigungsmechanismus für viel tiefere emotionale Wunden genutzt.
Stress und Lebenskrisen: Wenn das Gehirn auf Notfallmodus schaltet
Manchmal ist Untreue schlicht und einfach schlechtes Stressmanagement. Menschen in akuten Lebenskrisen – Jobverlust, schwere Krankheit, Midlife-Crisis, Tod nahestehender Menschen – treffen oft Entscheidungen, die sie unter normalen Umständen niemals getroffen hätten.
Stress macht uns buchstäblich dümmer. Chronischer Stress legt unser präfrontales Cortex lahm – den Teil des Gehirns, der für rationale Entscheidungen und Impulskontrolle zuständig ist. Gleichzeitig werden wir risikofreudiger und impulsiver. Es ist, als würde unser Gehirn auf einen primitiven Überlebensmodus zurückschalten.
Menschen ohne gesunde Stressbewältigungsstrategien suchen sich oft destruktive Ventile: Alkohol, Drogen, riskantes Verhalten oder eben Affären. Das intensive Gefühl einer neuen Eroberung kann wie eine Droge wirken und vorübergehend von den eigentlichen Problemen ablenken.
Die Adrenalin-Junkies: Wenn Ruhe wie Tod sich anfühlt
Es gibt Menschen, deren Nervensystem einfach anders tickt. Sie brauchen konstant neue Stimulation, Aufregung und intensive Erlebnisse. Psychologen nennen das „Sensation Seeking“ – und es ist ein echter Risikofaktor für Untreue. Für diese Persönlichkeiten kann eine langjährige, stabile Beziehung zur emotionalen Folter werden.
Untreue bietet alles, was diese Menschen brauchen: Aufregung, Risiko, Adrenalin und die berauschende Intensität des Verbotenen. Sie verwechseln oft die Schmetterlinge der Aufregung mit echten Gefühlen. Das ruhige, stabile Glück einer funktionierenden Beziehung fühlt sich für sie an wie emotionaler Tod – obwohl es objektiv viel wertvoller ist.
Die gute Nachricht: Risiko bedeutet nicht Schicksal
Bevor jetzt alle panisch ihre Partner auf narzisstische Züge scannen: Diese psychologischen Profile sind kein Todesurteil für eine Beziehung. Menschen sind komplexe Wesen, und Verhalten entsteht immer aus dem Zusammenspiel von Persönlichkeit, aktueller Lebenssituation und Beziehungsdynamik.
Diese Forschungserkenntnisse helfen zu verstehen, dass Untreue selten aus purer Bosheit entsteht. Meist stecken unerfüllte psychische Bedürfnisse, ungeeignete Bewältigungsstrategien oder unverarbeitete emotionale Verletzungen dahinter. Das rechtfertigt Untreue nicht, macht sie aber verständlicher und – wichtig – behandelbar.
Viele dieser Risikofaktoren sind veränderbar. Bindungsstile können in der Therapie bearbeitet werden, Kommunikationsfähigkeiten lassen sich erlernen, Traumata können aufgearbeitet werden, und gesunde Stressbewältigungsstrategien sind trainierbar. Sogar Menschen mit stark ausgeprägten Zügen der Dunklen Triade können lernen, ihr Verhalten zu reflektieren.
Am Ende geht es nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken oder Untreue zu entschuldigen. Es geht darum zu verstehen, dass hinter destruktiven Verhaltensmustern oft sehr menschliche, nachvollziehbare Bedürfnisse stehen – die nur auf ungesunde Weise befriedigt werden. Und diese Erkenntnis ist der erste Schritt zur Veränderung.
Die Wissenschaft zeigt uns: Wer seine eigenen Risikofaktoren kennt und aktiv an sich arbeitet, kann das Schicksal seiner Beziehung selbst in die Hand nehmen. Denn am Ende sind wir alle mehr als die Summe unserer psychologischen Profile.
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